Der Marderhund sieht aus wie eine Kreuzung aus Fuchs und Waschbär, ist aber mit beiden nur entfernt verwandt. Er stammt ursprünglich aus Ostasien und kam durch gezielte Aussetzungen in der Sowjetunion nach Europa. Heute ist er in ganz Deutschland verbreitet und gehört zu den meistbejagten Raubwildarten überhaupt. Bekannt ist er vor allem für eine Eigenheit, die ihn von allen anderen Hundeartigen der Welt unterscheidet: Er ist der einzige seiner Familie, der Winterruhe hält.
Fakten zum Marderhund
Männliche Marderhunde werden Rüde genannt, weibliche Fähe. Der Nachwuchs heißt Welpe. Der Geschlechterunterschied beim Marderhund ist gering. Rüden und Fähen sind in Körpergröße und Gewicht kaum zu unterscheiden.
Gewicht: 4 – 7 kg, im Herbst bis zu 10 kg
Kopf-Rumpf-Länge: 50 – 68 cm
Rutenlänge: 12 – 18 cm
Schulterhöhe: 25 – 30 cm
Lebenserwartung: 3 – 4 Jahre in der freien Wildbahn
In Gefangenschaft: bis zu 11 Jahre
Fortpflanzung des Marderhund
Ranzzeit: Februar bis März
Tragzeit: 59 – 64 Tage (ca. 9 Wochen)
Geburt: April bis Mai, 6 – 8 Welpen, im Extremfall bis 16
Namen des Marderhund
Wissenschaftlicher Name: Nyctereutes procyonoides
Regionale Namen: Enok, Tanuki, Obstfuchs
Englisch: Raccoon dog
Niederländisch: Wasbeerhond, Marterhond
Aussehen des Marderhund
Auf den ersten Blick erinnert der Marderhund an den Waschbär. Bei genauerem Hinschauen sind die Unterschiede aber deutlich. Der Marderhund ist gedrungen und kurzbeinig, sein Bauch hängt fast am Boden. Das Fell ist lang und rau, graubraun bis gelbbraun gefärbt, mit einer dunkleren Rückenlinie. Die Beine sind deutlich dunkler als der Rumpf. Das Gesicht zeigt eine dunkle Zeichnung rund um die Augen, die zu den Wangen verläuft. Die Rute ist buschig, aber kurz und ohne die weiße Rutenspitze des Fuchses.
Das Winterfell ist wesentlich dichter als das Sommerfell und wirkt optisch schwerer. Im Herbst legt der Marderhund erheblich an Gewicht zu. Sein Körper kann sich dabei fast verdoppeln. Diese Fettreserven sind die Grundlage für seine Winterruhe. Ohne sie kommt er nicht durch die kalte Jahreszeit.
Farbvarianten kommen vor. Neben der typischen graubraunen Färbung gibt es sehr helle, fast blonde Tiere. Schwärzliche Exemplare sind selten.
Unterscheidung vom Waschbär
Beide Arten haben eine Gesichtsmaske, aber sie sieht jeweils anders aus. Beim Waschbär verläuft eine breite schwarze Querbinde über die Augen. Das übrige Gesicht ist hell und kontrastreich. Beim Marderhund sind die dunklen Partien weicher und großflächiger. Der Gesamteindruck ist gedämpfter. Die Ohren des Marderhunds sind kurz und im Fell kaum sichtbar. Beim Waschbär sind sie groß und klar aufgerichtet.
Auch am Schwanz sieht man den Unterschied sofort: Beim Waschbär deutliche Ringe, beim Marderhund einfarbiges Braungrau. Und die Schnauze: beim Marderhund lang und fuchsartig, beim Waschbär kurz und breit. Im Feld reicht ein kurzer Blick.
Lebensweise und Ernährung des Marderhund
Der Marderhund ist der einzige Hundeartige weltweit, der Winterruhe hält. Kein Wolf, kein Fuchs, kein anderer Verwandter schläft im Winter. Beim Marderhund beginnt die Winterruhe je nach Witterung im Oktober oder November. Sie dauert bis Februar oder März. Es handelt sich nicht um echten Winterschlaf wie beim Igel. Der Marderhund kann jederzeit aufwachen, tut es bei milden Perioden auch. Voraussetzung ist die massive Fetteinlagerung im Herbst.
Der Marderhund ist ein Allesfresser. Im Frühjahr und Sommer stehen Kleinsäuger, Amphibien, Insekten und Würmer auf dem Speiseplan. Frösche und Kröten gehören dabei zu seinen wichtigsten Beutetieren. Im Herbst werden Beeren, Früchte, Getreide und Mais gefressen. Marderhunde sind gute Schwimmer und gehen ins Wasser, um Wasserfrösche und kleine Fische zu erbeuten. Aas wird ebenfalls angenommen.
Marderhunde leben in festen Paaren. Rüde und Fähe verbringen auch die Winterruhe gemeinsam im Bau. Der Rüde hilft bei der Welpenaufzucht und versorgt die Fähe während der Aufzuchtzeit mit Nahrung. Das ist unter Raubtieren ungewöhnlich. Die Reviere der Paare überlappen sich häufig, ein streng verteidigtes Territorium wie beim Fuchs kennt der Marderhund nicht.
Fortpflanzung und Aufzucht beim Marderhund
Die Ranzzeit liegt im Februar bis März. Marderhunde sind monogam und finden sich oft schon vor der Ranzzeit als festes Paar zusammen. Die Trächtigkeit dauert etwa neun Wochen. Als Wurfplatz dienen Erdbauten sowie Fels- und Wurzelhohlräume. Häufig übernimmt der Marderhund dabei verlassene Bauten von Fuchs oder Dachs.
Die Fähe wirft im April oder Mai sechs bis acht Welpen, in Ausnahmefällen bis zu sechzehn. Damit übertrifft er alle anderen Hundeartigen in Europa, Wolf und Fuchs eingeschlossen. Die Welpen sind bei der Geburt blind. Nach etwa zehn Tagen öffnen sie die Augen. Mit drei bis vier Wochen verlassen sie erstmals den Bau. Beide Elterntiere versorgen die Welpen. Ab August oder September sind die Jungen selbständig und verlassen den Elternbau. Im folgenden Frühjahr sind sie bereits geschlechtsreif.
Feinde des Marderhundes
Der Marderhund hat in Mitteleuropa wenige natürliche Feinde, was seine rasante Ausbreitung begünstigt. In Gebieten mit Wolfspräsenz wird er vom Wolf bejagt. Luchs und Uhu schlagen vor allem Jungtiere. Der Rotfuchs konkurriert mit ihm um Bau und Nahrung, gilt aber nicht als direkter Feind.
Die häufigste Todesursache ist der Straßenverkehr. Seuchen wie Staupe und Räude können lokale Bestände erheblich dezimieren. Die Jagd ist heute das wichtigste Instrument zur Bestandsregulierung.
Lebensraum des Marderhunds
Der Marderhund bevorzugt feuchte, strukturreiche Landschaften. Unterholzreiche Wälder in Gewässernähe sind sein bevorzugter Lebensraum. Er meidet offene Felder ohne Deckung und weiträumige Niederungen ohne Gebüsch oder Gehölze. In der Höhe kommt er in Mitteleuropa selten über 500 Meter vor. Die Nähe zu Gewässern ist wichtig, da Amphibien zu seinen Hauptbeutetieren gehören.
Marderhund-Vorkommen in Deutschland
Der Marderhund ist in ganz Deutschland flächig verbreitet. Die Schwerpunkte liegen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Niedersachsen, also in den feuchten Niederungslagen des Nordens und Ostens.
Jährlich werden in Deutschland über 100.000 Marderhunde erlegt, er gehört damit zu den meistbejagten Raubwildarten. Der Grund: Der Marderhund vermehrt sich rasant, hat kaum natürliche Feinde und richtet erheblichen Schaden an. Bodenbrüter wie Kiebitz, Wildente und Fasan leiden besonders unter ihm, ebenso Amphibienbestände. Ohne intensive Bejagung würden die Bestände unkontrolliert wachsen.
Ursprünglich stammt der Marderhund aus Ostasien. In der Sowjetunion wurden zwischen 1929 und 1955 rund 10.000 Tiere in verschiedenen Regionen gezielt ausgesetzt. Der Marderhund hat ein dichtes, wertvolles Winterfell. Wild lebende Bestände sollten eine günstige Quelle für die Pelzindustrie werden. Von dort breitete er sich westwärts aus. Erste Tiere tauchten in den 1950er Jahren im Osten Deutschlands auf. In den 1980er und 1990er Jahren folgte die flächige Besiedlung.
In Österreich ist der Marderhund deutlich seltener. Es gibt vereinzelte Nachweise vor allem in Niederösterreich, Wien-Umland und dem Burgenland, aber keinen flächigen Bestand. In der Schweiz kommt er nur sporadisch vor, ein etablierter Bestand fehlt.
Schutz und Jagdrecht
Der Marderhund ist in Deutschland jagdbares Wild und unterliegt dem Bundesjagdgesetz. In den meisten Bundesländern gibt es keine Schonzeit, er kann ganzjährig bejagt werden. Darüber hinaus steht er auf der Unionsliste invasiver gebietsfremder Arten der Europäischen Union.
Das verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur aktiven Bestandsregulierung. Besitz, Transport und Handel mit lebenden Tieren sind verboten. Damit steht er auf derselben Liste wie der Waschbär. Auch dieser wurde durch gezielte Aussetzungen in Deutschland heimisch und wird heute intensiv bejagt. Beiden Arten fehlen natürliche Feinde.
In Österreich ist er in den meisten Bundesländern ebenfalls ganzjährig jagdbar. In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Umwelt die sofortige Entnahme bei jedem Nachweis.
Der Marderhund ist eine invasive Art, die erheblichen Schaden an heimischen Tierbeständen anrichten kann. Die Bejagung ist deshalb nicht nur jagdrechtliche Pflicht, sondern auch ein wirksamer Beitrag zum Naturschutz.
Marderhund in Wildparks
In Wildparks ist der Marderhund recht häufig anzutreffen. Im Vergleich zum Waschbär ist er ruhiger, aber durchaus interessant zu beobachten. Im Herbst, wenn er sich für die Winterruhe anfrisst, ist der Gewichtsunterschied zum Frühjahr gut sichtbar.
[PS_wildtiere_fleischfresser]

